Rhein-Sieg-Gymnasium
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Das Sozialpraktikum der 9. Klasse

Wir führen in unserer Schule für die Jahrgangsstufe 9 ein Sozialpraktikum durch, das an die Fächer Religion und Praktische Philosophie gekoppelt ist und in diesem Rahmen auch vor- und nachbereitet wird. Die Erfahrung, durch soziales Engagement zwischenmenschliche Begegnungen zu erleben und Grenzsituationen menschlichen Lebens kennen zu lernen, halten wir für Jugendliche dieses Alters für sehr wertvoll. Diese Erfahrung können sie heute in der Regel in ihrem direkten Umfeld nicht machen. Der Wert einer solchen Unternehmung ist neben der Berufsorientierung vor allem auch der veränderte Blickwinkel, den Schülerinnen und Schüler durch eine solche Erfahrung auf sich, ihr Leben und ihre Rolle in der Gesellschaft gewinnen können. Damit stärken wir das Bewusstsein für die Verantwortung, die der Einzelne für die Gemeinschaft und insbesondere für diejenigen, die Hilfe benötigen, trägt. [ für weitere Informationen klicken Sie bitte hier]


Eine Erfahrung fürs Leben 

Sozialpraktikum – das heißt: für zwei Wochen den gewohnten Klassenraum verlassen, den oft anstrengenden Arbeitsalltag in sozialen Einrichtungen kennen lernen, mit Kolleginnen und Kollegen zusammen arbeiten, vor allem aber mit Menschen in Kontakt kommen, die mit einer Behinderung leben, die sehr alt sind, die an einer Demenz erkrankt sind, die am Ende ihres Lebens stehen. All dies hautnah mitzuerleben -  und auch sich selbst ganz anders zu erleben – das sind Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen wohl so schnell nicht vergessen werden.

Vom 30. März bis zum 12. April waren die Schülerinnen und Schüler in sozialen Einrichtungen in St. Augustin und Umgebung eingesetzt: überwiegend in integrativen Kindertagesstätten und Schulen, in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung und in Senioren- und Pflegeheimen. Die Praktikumsstellen wurden zum größten Teil durch das verantwortliche Lehrer-Team vermittelt, im Vorfeld konnten jedoch Wünsche geäußert werden. Inhaltlich vorbereitet wurde das Praktikum im Religions- und Philosophie-Unterricht; im Deutsch-Unterricht gab es zudem Tipps, wie man die notwendige Bewerbung abfasst. Auch während der Praktikumszeit wurden die Schülerinnen und Schüler nicht allein gelassen – der Besuch einer Lehrkraft bot die Möglichkeit, auftretende Probleme zu besprechen.

Trotz aller  Vorbereitung und Begleitung erlebten die meisten Praktikantinnen und Praktikanten in den zwei Wochen ein wahres Wechselbad der Gefühle: Nervosität am Anfang, Hilflosigkeit in schwierigen Situationen, manchmal Scheu und Überwindung,  aber auch Freude über ein Lob und Stolz auf kleine und große Erfolge.

… „Schwer war der erste Kontakt mit dementen Menschen. Ich habe mich nicht sehr wohl gefühlt und hatte Angst, etwas falsch zu machen.“ –

…  „Manche haben mir von ihren Sorgen und ihrem Leid erzählt, und ich wusste nichts darauf zu antworten.“ –

… „Eine Frau hat mich am ersten Tag angeschrien, aber am letzten Tag war sie auf einmal ganz nett zu mir.“ –

… „Eine demente Frau hatte einen Nervenzusammenbruch, und keine Pflegerin konnte sie beruhigen außer mir, auf mich hat sie gehört.“ –

… „Es hat mich glücklich gemacht, dass Frau W. sich so gefreut hat, als ich mit ihr draußen war, und mir am nächsten Tag eine Blume geschenkt hat.“ –

…. „Mir wurde beim Abschied gesagt, dass ich eine der besten Praktikantinnen war, und dass sie mich vermissen würden.“

… „Beim Abschied haben alle Kinder geweint.“

Gelegenheit, diese eindrücklichen Erfahrungen aufzuarbeiten, hatten die Schülerinnen und Schüler auf einer zweitägigen Auswertungstagung direkt im Anschluss an die Praktikumszeit. Zwei Klassen fuhren nach Altenberg, zwei nach Radevormwald, jeweils begleitet durch die Klassen- und Religions-bzw. Philosophie-Lehrer und externe Referentinnen und Referenten. Es zeigte sich, dass alle großen Bedarf hatten, ihre Erlebnisse „loszuwerden“ und mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern auszutauschen. Und bei allem Spaß am abwechslungsreichen Programm der Tagung bewiesen die Schülerinnen und Schüler große Ernsthaftigkeit darin, sich mit Grenzsituationen – auch mit ihren eigenen Grenzen – und mit existentiellen Fragen („Ist das noch lebenswertes Leben?“) auseinanderzusetzen. So wunderte es nicht, dass das abschließende Resümee bei den meisten positiv ausfiel: „Das Praktikum hat sich auf jeden Fall gelohnt – es war eine Erfahrung fürs Leben!“

Astrid Sommerfeld


Gedanken zum Sozialprakitkum  von Vera / Inna Jun  09

Als Schüler musste man bisher nur ein Betriebspraktikum in der Jahrgangsstufe 11 absolvieren. Was soll also ein Sozialpraktikum in der Jahrgangsstufe 9? „ Eine sinnlose Zeitverschwendung“, meint die eine Seite. „Das bringt doch nichts, ich bin doch nicht asozial um sozial zu werden“, regt sich die andere auf. Also wollen wir doch einmal herausfinden, was genau auf die Neuntklässler am Rhein-Sieg-Gymnasium zukommt. 

Es beginnt alles mit einem Zettel mit Fragen zum Wunsch der sozialen Einrichtung. Ob man lieber in Altenheimen, Schule n für geistig und  körperlich  Eingeschränkte oder Pflegediensten arbeiten möchte, ist jedem selbst überlassen. Natürlich hat jeder auch die Möglichkeit sich seine Praktikumsstelle selbst auszusuchen.  Danach beginnt eine Zeit der Hektik: Bewerbungen schreiben, was man vorher im Rahmen des Deutschunterrichts geübt hat, Vorstellungsgespräche führen un d Ärzte aufsuchen, um schriftlich bestätigt zu bekommen, dass man rundum gesund ist. Wenn das alles erledigt ist, ist auch schon der erste Tag gekommen, an dem man mit den neuen Aufgaben vertraut gemacht wird. Das Beste, was man von Anfang an machen kann, ist sich über die zu betreuenden Kinder, älteren Menschen oder Büroarbeiten aufklären zu lassen und die gestellten Aufgaben mit einem Lächeln zu begrüßen, denn wenn ma n Freude an seiner Arbeit zeigt und selbstbewusst und offenherzig an die Sache herangeht, können die Menschen dort Vertrauen in einen entwickeln.

In den Altersheimen erledigt jeder nur seine Aufgaben. Es kann vorkommen, dass die Stimmung der älteren Menschen dort negativ ist, also sollten die Sensiblen nicht unbedingt ein Altersheim als Praktikumsplatz wählen. Mit Kindern hingegen empfiehlt es sich offen und interessiert umzugehen. Niemand von ihnen sollte ausgeschlossen werden. Es könnte außerdem leicht passieren, dass man die Geduld verliert – dies gilt es zu vermeiden! Die Arbeit in Pflegediensten und sozialen Einrichtungen wird eher weniger unter den sozialen Aspekt des Projekts fallen, denn Kaffee kochen, Blätter sortieren oder Anrufe entgegennehmen kann man auch zu Hause. Deshalb empfiehlt es sich die aktiven Tätigkeiten auszusuchen.

Nachdem man sein Praktikum beendet hat, fahren jeweils zwei Klassen, die Klassenlehrer und die zuständigen Lehrer für zwei Tage zu den Auswertungsorten. Dort hat jeder die Möglichkeit über seine Erfahrungen zu sprechen und Verbesserungsvorschläge zum Projekt zu äußern.  

Ob es sinnvoll ist ein Sozialpraktikum in der Jahrgangsstufe 9 zu absolvieren, muss jeder für sich allein entscheiden. Fakt ist aber, dass es eine unvergessliche Zeit sein wird.

 (Die Bilder stammen vom Auswertungsseminar 2008)